Vor der Sanierung

Ein ruinöses Siedlungshaus wieder zum Leben und Wohnen erweckt

Liebe versetzt Berge. In diesem Fall im wahrsten Sinne des Wortes. Oder war es Mitleid? Wohl beides.
Ein kleines marodes Siedlungshaus in der Straße der Jungen Pioniere Nr.14 gegenüber der evangelischen Kirche war schon seit Längerem in den Fokus von Annette Dorn-Baltes und Dietrich Dorn geraten. Es tat ihnen Leid zu sehen, wie das leblose Gemäuer so verwahrlost dahindämmerte. Es erweckte ihre Zuneigung.

Nach der Sanierung

Nach der Sanierung

Seit 2012 in Leegebruch in der Fohlenweide ansässig, erkundeten sie alsbald die Fakten und Hintergründe des Objektes. Dabei stellte sich heraus, dass es seit Mitte der 90er Jahre leer stand. Die letzte Bewohnerin war Erika Haake. Gespräche ab 2014 über das vererbte Eigentum liefen zäh und verbrauchten Zeit. Doch dann gingen Kauf und Genehmigungen, sowohl des Grundstücks als auch des Siedlungshauses, flott voran. Grünes Licht gab es schon 2017, sodass im Herbst das Haus entrümpelt werden konnte. „Da fielen Berge an. Mengen wurmstichiger Möbel mussten entsorgt werden. Das haben wir alles selbst in die Hand genommen“, so Annette Dorn-Baltes. Aber nicht nur das. Auch der Garten bot Berge von verwahrlostem Gehölz und Gesträuch. „Wir haben sage und schreibe 27 Kubikmeter Grünschnitt in die Germendorfer Deponie geschafft. Das war echt anstrengend“, so Dietrich Dorn.

Das Besondere war ja ebenso eine Sargtischlerei, die nach dem Zweiten Weltkrieg an das Haus angebaut worden war. Wind und Wetter sorgten über 20 Jahre für den Verfall. Sie musste abgerissen werden.
Nur noch Fotodokumente geben heute Zeugnis ab vom greisen, schütteren und erschütternden Zustand des Anwesens.
Annette Dorn-Baltes, promovierte Volkskundlerin und Kulturwissenschaftlerin, hat sicher federführend hier Hand angelegt, unterstützt von ihrem Ehemann Dietrich Dorn.

Wie aus anderen Zeiten: Wiederhergestellter historischer Kachelofen

Wie aus anderen Zeiten: Wiederhergestellter historischer Kachelofen

Beide verbindet eine Liebe zu historischem Gemäuer. Sie schätzen Kunstwerke und uraltes Mobiliar. Beim Umbau ist Erhaltenswertes eingebunden, Farbgebung ans Historische der Siedlungshäuser aufgenommen oder angelehnt worden.
Perfekte Arbeiten lieferten von Anfang an Firmen aus dem Ort und von nebenan. Angefangen vom Architekten Herrn Bortchen, dem Dachdecker Sulz, bis hin zum Fliesenleger Heyer, Hoch- und Tiefbau Schwante und dem Malermeister Koch oder Olaf und Hannes Bendin als Heizungs- und Elektromonteure. Die Handwerker gingen mit, auch wenn die Wünsche ihnen vielleicht kurios vorkamen, wie der Erhalt der braunen und abgeschabten Tür zum Plumpsklo.

Innenleben vor der Sanierung

Innenleben vor der Sanierung

Die alte Brettertür hat sich mit dem einstigen Verriegelungsmechanismus mit „besetzt“ und „frei“ zum Hingucker gemausert. Alles funktioniert. Dahinter strahlen natürlich feinste gemusterte Sanitärelemente von Dornbracht.
Die kleine Speisekammer unter der Treppe wurde ebenso erhalten. Auch alte Balken und ein dunkler Schrank aus Frau Haakes Zeit im verwinkelten Eck stehend. Er darf nun wieder nützlich sein.
Ein Muss für das Paar war ebenso ein typisches Hauszeichen, das nun an der seitlichen Wand prangt: eine Kopie des Sternzeichens Löwe im runden Terrakotta-Medaillon. Die weißen Fenster gehen wie früher nach außen zu öffnen, sind aus Holz und auch die Außentüren kommen farblich in mausgrau daher, was einer Farbgebung von 1938 nahe liegt.
Die Fensterläden-Nachbauten sind derzeit in Auftrag.

Im großzügigen Anbau sorgt ein sogenannter Hamburger Ofen der Veltener Firma Schmidt-Lehmann mit blauen Kacheln, wie sie seit über einhundert Jahren hergestellt werden, als Kamin für Wärme und fühlt sich wohl als bestauntes Objekt.
Bollhagen-Geschirr steht im modernen Küchenschrank und hängt als Teller-Uhr an der Wand.
Seit Ende 2018 bezogen, ist es nun ihr Heim. Sie sind geerdet, angekommen. „Hier bleiben wir“, bekennt Annette Dorn-Baltes.

Die Liebe zum Regionalen, zum Erhaltenswerten ist überall im Haus präsent. In einem einst schon dem Verfall und Vergessen geweihten Anwesen.
Liebe kann doch Berge versetzen. Und Mitleid kann Leidenschaft schaffen.
Ein Gewinn für unseren Ort. Ein gewonnenes Siedlungshaus.

Liane Protzmann

Fotos: Liane Protzmann, Hajo Eckert, privat